| Ich nehme heute den 46. Jahrestag des tibetischen
Volksaufstandes zum Anlass, die Tibeter in Tibet und im Exil und
unsere Freunde auf der ganzen Welt herzlich zu grüßen.
In den vergangenen mehr als vier Jahrzehnten haben in Tibet
große Veränderungen stattgefunden: großer wirtschaftliche
Fortschritt ging mit der Entwicklung der Infrastruktur einher.
Ein Beispiel dafür ist die im Bau befindliche Eisenbahnstrecke
von Gormo nach Lhasa. Im selben Zeitraum haben jedoch
unabhängige Journalisten und Tibet-Reisende über die
tatsächliche Lage in Tibet geschrieben statt über das, was ihnen
gezeigt wurden. Die meisten von ihnen malen ein anderes Bild als
die chinesische Regierung. Dabei kritisieren sie China ganz klar
wegen des Fehlens von Menschenrechten, Religionsfreiheit und
Autonomie in Tibet. Denn tatsächlich liegt die wirkliche Macht
seit Gründung der Autonomen Region Tibet einzig und allein bei
der chinesischen Führung. Das tibetische Volk sah sich mit
Misstrauen und zunehmenden Restriktionen konfrontiert. Der
Mangel an Harmonie, die auf Vertrauen gründet, und an echter
Gleichberechtigung der verschiedenen ethnischen Gruppen, sowie
das Fehlen echter Stabilität in Tibet zeigen, dass die Dinge in
Tibet nicht gut stehen und es ein grundlegendes Problem gibt.
Von Zeit zu Zeit haben prominente und angesehene tibetische
Führungspersönlichkeiten dies angesprochen und für ihre mutige
Tat hatten büßen müssen. In den frühen 1960er Jahren legte der
verstorbene Panchen Lama in seiner Petition an die chinesische
Führung das Leiden und die Wünsche des tibetischen Volkes dar.
Baba Puntsok Wangyal, einer der führenden tibetischen
kommunistischen Führer, betont in seiner kürzlich auf Englisch
erschienen Biografie nachdrücklich die Notwendigkeit, den
Interessen des tibetischen Volkes nachzukommen. Tatsächlich ist
klar, dass die meisten führenden tibetischen Funktionären in
Tibet im Grunde ihres Herzens extrem unzufrieden sind.
In diesem Jahr wird die chinesische Regierung den vierzigsten
Jahrestag der Gründung der Autonomen Region Tibet begehen. Aus
diesem Anlass wird es viele Fanfare und viele
Gedenkfeierlichkeiten geben, doch sie werden bedeutungslos
bleiben, wenn sie die Wirklichkeit nicht widerspiegeln. Zum
Beispiel sind ja auch der „Große Sprung nach vorne„ und die
Kulturrevolution zu ihrer Zeit mit viel Pomp als echte
Errungenschaft gefeiert worden.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat China eine enorme
wirtschaftliche Entwicklung erlebt. Das China von heute ist
nicht mehr, was es vor zwanzig, dreißig Jahren war. Vieles hat
sich in China geändert. Infolgedessen ist China zu einem der
Hauptakteure in der Welt geworden, eine Stellung, die ihm sicher
zusteht. Es ist eine große Nation mit einer riesigen Bevölkerung
und einer reichen, alten Zivilisation. Chinas Image jedoch ist
angeschlagen durch Menschenrechtsverletzungen, undemokratische
Praxis, das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und die ungleiche
Implementierung der Rechte für Autonomie in bezug auf
Minderheiten, darunter der Tibeter, auf Autonomie. All dies
führen zu mehr und mehr Argwohn und Misstrauen der Außenwelt.
Innenpolitisch werden dadurch Einheit und Stabilität verhindert,
die für die Führung der Volksrepublik China von äußerster
Wichtigkeit sind. Meiner Ansicht nach ist es wichtig für China,
dass es im Begriff ist, eine mächtige und respektierte Nation zu
werden, imstande sein sollte, mit Selbstvertrauen eine Politik
der Vernunft zu vertreten.
Die Welt als Ganzes, von der China ein Teil ist, verändert
sich zum Besseren. In jüngster Zeit nehmen das Bewusstsein und
die Wertschätzung von Frieden, Gewaltlosigkeit, Demokratie,
Gerechtigkeit und Umweltschutz definitiv zu. Die bislang
beispiellose Resonanz von Regierungen und Einzelpersonen aus der
ganzen Welt für die Opfer der Tsunami-Katastrophe hat erst
kürzlich bestätigt, dass in der Welt wirklich alle voneinander
abhängig sind und dass universelle Verantwortung sehr wichtig
ist.
Mit meinem Einsatz für Tibet verfolge ich keine persönlichen
Rechtsansprüche oder Ansprüche auf eine politische Position.
Auch versuche ich nicht, Ansprüche der tibetischen Verwaltung im
Exil durchzusetzen. 1992 habe ich in einer formellen Erklärung
klargestellt, dass ich, wenn wir mit einem gewissen Grad an
Freiheit nach Tibet zurückkehren, weder eine Position in der
tibetischen Regierung noch irgendeine andere politische Position
einnehmen werde, und dass die gegenwärtige Regierung der Tibeter
im Exil dann aufgelöst wird. Vielmehr sollten die Tibeter, die
in Tibet arbeiten, die Hauptverantwortung für die Verwaltung
Tibets übernehmen.
Noch einmal möchte ich der chinesischen Führung versichern,
dass wir, solange ich für die Geschicke Tibets verantwortlich
bin, uns ganz dem Ansatz des Mittleren Weges verschreiben und
also nicht die Unabhängigkeit Tibets anstreben, sondern gewillt
sind, in der Volksrepublik China zu bleiben. Ich bin überzeugt,
dass ein solcher Ansatz den Tibetern auf lange Sicht materiellen
Fortschritt bringen wird. Es ist ermutigend, dass dieser Ansatz
in verschiedenen Teilen der Welt unterstützt wird, da er als
vernünftig, realistisch und von gegenseitigem Nutzen für die
Chinesen und die Tibeter angesehen wird. Besonders ermutigt hat
mich die Anerkennung und Unterstützung aus bestimmten Teilen der
intellektuellen Kreise in China.
Ich freue mich über unsere wieder aufgenommenen Kontakte zur
chinesischen Führung und darüber, dass die dritte Runde unserer
Treffen im vergangenen September zeigt, dass sich unsere
Interaktionen allmählich verbessern. Nachdem unsere gewählte
tibetische Führung mehr Verantwortung für die Angelegenheiten
Tibets übernimmt, habe ich ihr geraten, sich die Themen, die die
chinesische Seite während unserer dritten Gesprächsrunde
angesprochen hat, genauer anzusehen und je nach Bedarf Schritte
zu unternehmen, um sie anzusprechen oder um sie genauer zu
erläutern. Wir hegen weiterhin die Hoffnung, dass wir irgendwann
das nötige Vertrauen entwickeln können, dieses seit langer Zeit
bestehende Thema im beideseitigen Nutzen zu lösen.
Schließlich möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um im Namen
der Tibeter unsere Wertschätzung und unsere große Dankbarkeit
gegenüber dem indischen Volk und seiner Regierung für die
standhafte Sympathie und Unterstützung zu bekunden. Nicht nur
wegen der Jahrhunderte alten religiösen und kulturellen
Verbindung zwischen Indien und Tibet, sondern auch, weil ich wie
die meisten Exiltibeter seit 45 Jahren in Indien lebe, empfinde
ich mich als Teil dieser Nation.
Mit einem Gebet für die tapferen Männer und Frauen Tibets,
die ihr Leben für die Freiheit Tibets gegeben haben.
Der Dalai Lama
Dharamsala, India |