| Einen herzlichen Gruß an alle Landsleute in Tibet und im
Exil und an unsere Freunde und Unterstützer auf der ganzen Welt
zum 44. Jahrestag des Tibetischen Volksaufstands von 1959.
Obwohl es hinsichtlich der Tibet-Problematik insgesamt durchaus
positive Entwicklungen gibt, so sind wir doch nach wie vor
besorgt über die anhaltende Marginalisierung der Tibeter in
ihrem eigenen Land und die Menschenrechtsverletzungen und die
Unterdrückung der religiösen Freiheit des tibetischen Volkes im
vergangenen Jahr. Mit der reibungslosen Übergabe der Führung
von der dritten an die vierte Generation leitete der 16. Kongreß
der Kommunistischen Partei Chinas eine neue Ära in China ein.
Dies ist ein Zeichen politischer Reife und Anpassungsfähigkeit.
Die Reformen, die Deng Xiaoping einleitete und Präsident Jiang
Zemin fortsetzte, haben zu großen Veränderungen in China
geführt, vor allem in Wirtschaft, Handel und den internationalen
Beziehungen. Ich begrüße diese Entwicklung, denn ich habe immer
wieder die Notwendigkeit betont, China in die internationale
Völkergemeinschaft zu integrieren, und habe mich gegen jede
Überlegung ausgesprochen, China zu isolieren und auszugrenzen.
In scharfem Gegensatz zu diesen positiven Aspekten fehlt jedoch
ein solch pragmatisches und flexibles Handeln leider dort, wo es
um die Einhaltung der grundlegenden bürgerlichen und politischen
Rechte und Freiheiten der Bürger geht, insbesondere derer, die
einer sogenannten Minderheit in der Volksrepublik China
angehören.
Ermutigt hat uns, daß im vergangenen Jahr einige tibetische
und chinesische politische Gewissensgefangene freigelassen
wurden. Tibetische Gefangene wie Takna Jigme Sangpo and Ani
Ngawang Sangdrol, die lange Jahre im Gefängnis verbringen
mußten, nur weil sie es gewagt hatten, ihre Meinung über die
chinesische Politik in Tibet und insbesondere über die
Geschichte Tibets zu äußern, stehen für den Mut und die
Entschlossenheit des tibetischen Volkes in Tibet.
Es freut mich, dass die chinesische Regierung es meinen
Gesandten ermöglicht hat, nach Beijing zu kommen, um mit der
chinesischen Führung wieder direkten Kontakt aufzunehmen, und
auch Tibet zu besuchen, um die führenden tibetischen Vertreter
vor Ort zu treffen. Der Besuch meiner Gesandten im September
vergangenen Jahres in Beijing machte es möglich, der
chinesischen Führung unsere Sicht der Tibet-Frage zu erläutern.
Es hat mir Mut gemacht, daß dieser Meinungsaustausch
freundschaftlich und ernsthaft verlief.
Ich hatte meine Gesandten angewiesen, alles zu tun, um den
Weg zu einem Dialog mit der Führung in Beijing zu bereiten, und
jede Gelegenheit zu nutzen, um bestehende Mißverständnisse und
falsche Vorstellungen von Seiten Beijings über unsere Ansichten
und Positionen auszuräumen. Dies ist der einzige vernünftige,
kluge und menschliche Weg, Differenzen beizulegen und
Verständnis füreinander zu bewirken. Es ist weder eine leichte
Aufgabe, noch wird dies in kurzer Zeit zu erreichen sein. Doch
es gibt dem tibetischen und dem chinesischen Volk die
einzigartige und entscheidende Chance, Jahrzehnte voller
Bitterkeit, Mißtrauen und Feindschaft hinter sich zu lassen und
auf der Grundlage von Gleichheit, Freundschaft und gegenseitigem
Nutzen eine neue Beziehung aufzubauen.
Chinesische Führer, der eine wie der andere, haben Tibets
einzigartige Kultur, Geschichte und Identität anerkannt und
versprochen, ihr mit Verständnis und Toleranz zu begegnen.
Tatsächlich jedoch greifen die chinesischen Behörden, wann immer
Tibeter Verbundenheit und Sorge für ihr eigenes Volk zeigen, auf
die altbekannte Politik gnadenloser Unterdrückung" zurück und
bezeichnen sie als Abspalter", was zu Festnahme und Inhaftierung
führt. Sie haben keine Möglichkeit, für die Wahrheit
einzutreten. Die kürzlich vollstreckte Hinrichtung von Lobsang
Dhondup und die ohne ordentliches Gerichtsverfahren gegen Tulku
Tenzin Delek verhängte Todesstrafe sind deutliche Beispiele für
diese Politik, die keine Probleme lösen kann und daher geändert
werden muß.
Ich hoffe aufrichtig, dass die chinesische Führung den Mut,
den Weitblick und die Weisheit für neue Ansätze zur Lösung der
Tibet-Frage durch Dialog findet. Wenn wir uns umsehen auf der
Welt, so müssen wir feststellen, dass Konflikte ethnischen
Ursprungs, die nicht beachtet werden, in einer Weise ausbrechen
können, die eine Lösung dann extrem schwierig macht. Daher liegt
es im Interesse der Volksrepublik China, derartige Probleme
anzugehen. Ein neuer, kreativer Ansatz zur Lösung der
Tibet-Frage wäre ein sehr überzeugendes Signal, dass China sich
verändert, reifer wird und bald in der Lage sein wird, als
verläßliche und vorausschauende Macht eine größere Rolle auf der
globalen Bühne zu spielen. Eine konstruktive Behandlung der
Tibet-Frage bietet wichtige Möglichkeiten, ein politisches Klima
von Vertrauen, Sicherheit und Offenheit, sowohl national wie
international, zu schaffen. Ein solcher Nachweis chinesischer
Führungsqualitäten in diesen Zeiten, die gezeichnet sind von
tiefer Besorgnis über internationale Konflikte, über Terrorismus
und ethnische Auseinandersetzungen, wird die Welt nachhaltig
beeindrucken und sie sicherer machen.
Es ist notwendig zu erkennen, dass es beim tibetischen
Freiheitskampf nicht um meine persönliche Stellung oder mein
eigenes Wohlbefinden geht. Schon im Jahre 1969 habe ich deutlich
gemacht, dass die Entscheidung, ob die jahrhundertealte
Institution des Dalai Lama fortgesetzt wird oder nicht, beim
tibetischen Volk liegt. Im Jahre 1992 habe ich in einer
formellen Erklärung bekanntgegeben, dass ich, wenn wir mit einem
gewissen Grad an Freiheit nach Tibet zurückkehren, weder ein
öffentliches Amt in der tibetischen Regierung bekleiden noch
eine andere politische Funktion ausüben werde. Doch ich werde,
und habe das auch wiederholt erklärt, bis zum Ende meiner Tage
für menschliche Werte und religiöse Harmonie eintreten. Des
weiteren habe ich erklärt, dass dann die tibetische Verwaltung
im Exil aufgelöst werden sollte und die Tibeter in Tibet die
Hauptverantwortung der Regierungsaufgaben übernehmen müssen. Ich
war stets der Überzeugung, dass ein zukünftiges Tibet ein
säkulares und demokratisches Regierungssystem haben sollte.
Daher entbehrt es jeder Grundlage zu behaupten, wir
beabsichtigten, in Tibet das alte Gesellschaftssystem wieder zu
installieren. Kein Tibeter, sei es im Exil oder in Tibet, hat
den Wunsch, das überholte Gesellschaftssystem des alten Tibet
wieder einzuführen. Im Gegenteil, die Demokratisierung der
tibetischen Gesellschaft begann schnell nach unserer Ankunft im
Exil. Sie gipfelte in der direkten Wahl unserer politischen
Führung im Jahre 2001. Wir werden entschlossen daran arbeiten,
den Tibeter die demokratischen Werte weiter nahezubringen.
Schon Anfang der 70er Jahre habe ich im Einvernehmen mit
führenden tibetischen Offiziellen die Entscheidung getroffen,
durch eine Politik des Mittleren Wegs" nach einer Lösung des
Tibet-Problems zu suchen. Dieses Rahmenwerk fordert weder die
Unabhängigkeit noch die Loslösung Tibets. Gleichzeitig
ermöglicht es den sechs Millionen Männern und Frauen, die sich
als Tibeter betrachten, in echter Autonomie ihre einzigartige
Identität zu bewahren, ihr religiöses und kulturelles Erbe, das
auf einer jahrhundertealten Philosophie beruht, die auch für das
21. Jahrhundert durchaus von Bedeutung ist, zu erhalten, und die
empfindliche Umwelt des Tibetischen Hochplateaus zu schützen.
Dieser Weg wird zur allgemeinen Stabilität und Einheit der
Volksrepublik China beitragen. Ich bin entschlossen, diesen
realistischen und pragmatischen Weg weiterzuverfolgen, und werde
auch künftig alles dazu tun, um eine für beide Seiten annehmbare
Lösung zu finden.
Tatsache ist heute, dass wir alle voneinander abhängig sind
und miteinander auf diesem kleinen Planeten existieren müssen.
Daher liegt der einzig sinnvolle und kluge Weg, Differenzen
beizulegen ob zwischen einzelnen Personen, Völkern oder
Nationen in einer politischen Kultur der Gewaltlosigkeit und
des Dialogs. Da unsere Bemühungen auf Wahrheit, Gerechtigkeit
und Gewaltlosigkeit gründen und nicht gegen China gerichtet
sind, erfreuen wir uns weltweit wachsender Sympathie und
Unterstützung, auch von chinesischer Seite. Ich möchte meine
Wertschätzung und meine Dankbarkeit für diese anhaltende
Solidarität zum Ausdruck bringen. Und ich möchte ein weiteres
Mal im Namen der Tibeter dem indischen Volk und der Regierung
Indiens gegenüber unsere Wertschätzung und unsere tief
empfundene Dankbarkeit angesichts ihrer unwandelbaren und
unvergleichlichen Großzügigkeit und Unterstützung zum Ausdruck
bringen.
Mit meiner Huldigung an die tapferen Männer und Frauen von
Tibet, die für die Sache unserer Freiheit gestorben sind. Ich
bete für ein baldiges Ende des Leidens unseres Volkes.
Der Dalai Lama
Dharamsala, India |