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Auszüge aus "Gefangen in Tibet"
von Robert Ford |
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| Lizenzausgabe für den Signum Verlag, Güterloh (ohne Jahr)
mit Genehmigung des Verlages Heinrich Scheffler, Frankfurt/Main. |
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(Klappentext des Verlags)
Der letzte Europäer in Tibet, als die rotchinesische Invasion
1950 eine der seltsamsten Theokratien der Erde überflutete, war
der Engländer Robert Ford. Wo Heinrich Harrers berühmte "Sieben
Jahre in Tibet" enden, schließt der nicht weniger erschütternde
Bericht des britischen Funktechnikers an. Die Regierung des
Dalai Lama hatte ihn in den äußeren Osten des Landes entsandt,
um den Aufbau eines modernen Funknachrichtensystems zu
organisieren. In engem Vertrauensverhältnis zu hohen Beamten der
Lhasa-Hierarchie erfüllte Ford diese Aufgabe. Ford lebte wie
Harrer das Leben eines Tibeters, und er genoß wie dieser auch
die Freundschaft seiner fremdartigen Umgebung. Seltsame Figuren
treten bei ihm auf: inkarnierte Lamas, Bandenhäuptlinge und
geheimnisvolle Angehörige jener Feudalfamilien, die das Leben
der entlegenen Landschaften regieren. Dann plötzlich erreicht
ihn die Nachricht von chinesischen Einmarsch. Nach wechselvollen
Kämpfen gelingt den chiniesischen Truppen das Eindringen in das
tibetische Hochland, und Ford wird nach einer abenteuerlichen
Flucht gefangengenommen. Er muß sich der sogenannten
"Gehirnwäsche" unterziehen; und erst nach fünfjähriger Haft
unter elendesten Umständen winkt dem jungen, noch ungebrochenen
Mann wieder die Freiheit.
I: Drohung (Seite 9)
Kapitel: Tibet und die Welt (Seite 86 - 91)
(Seite 90)
"Dann werden wir um Hilfe bitten."
"Dann wird es zu spät sein. Ihr habt der Welt nicht einmal
gesagt, daß ihr euch jetzt als unabhängig betrachtet."
"Doch, das haben wir bewiesen, als wir im letzten Sommer die
chinesischen Beamten verjagten?"
"Damit habt ihr nur eure Neutralität im chinesischen Bürgerkrieg
bewiesen, das ist alles; wenigsten haben es die anderen Länder
so ausgelegt."
"Aber beweisen wir es nicht jetzt, indem wir uns weigern, nach
Peking zu gehen? Unsere Abordnung war seit Anfang des Jahres in
Indien, hat versucht, mit den Chinesen zu verhandeln, und sich
immer geweigert, nach China zu gehen. Was sollen wir denn nach
Ihrer Meinung tun?" fragte er.
"Es gibt nur zwei Dinge, die ihr tun könnt" sagte ich. "Entweder
(Seite 91) verkündet ihr, daß ihr ein unabhängiger Staat seid
und entschlossen seid, es zu bleiben, oder ihr geht nach Peking
und erreicht die bestmöglichen Bedingungen. Beides wäre besser
als hier zu sitzen und zu warten, bis man euch geschluckt hat."
"Aber jeder weiß doch, daß Tibet ein unabhängiger Staat ist."
Gerade hierin bestand die Schwierigkeit; nicht jeder wußte es.
Nach dem Völkerrecht war die Frage von Tibets Souveränität
zweideutig und verworren.
Kapitel: Die Grenze Tibets (Seite 91 - 98)
(Seite 91)
Die Tatsache der Unabhängigkeit Tibets unterlag keinem Zweifel.
Ausgenommen zwei kurze Perioden chinesischer Herrschaft, die
beide durch eine nationale Erhebung beendet wurden, war Tibet
durch Jahrhunderte ein autonomer Staat gewesen. Unter der
Mandschu-Dynastie hatten die Chinesen eine unbestimmte und
schwache Oberherrschaft ausgeübt, die auf persönlichen
Beziehungen zwischen dem Kaiser von China und dem Dalai Lama
beruhte, aber diese hatte mit der chinesischen Revolution von
1911 ein Ende gefunden. Seitdem war Tibet völlig unabhängig
gewesen.
Im Jahre 1913 trafen sich tibetische, chinesische und britische
Beauftragte in Simla und unterzeichneten ein Übereinkommen,
wonach Tibet die chinesische Oberherrschaft unter der Bedingung
anerkannte, daß China die tibetische Autonomie respektierte; mit
anderen Worten, nominelle Oberherrschaft gegen tatsächliche
Unabhängigkeit. Man konnte sich aber über die Grenze nicht einig
werden, und schließlich weigerten sich die Chinesen, zu
unterzeichnen. Tibet behielt eine De-facto-Unabhängigkeit bei,
und China beanspruchte weiter seine Oberherrschaft, die zu
erzwingen es nicht in der Lage war. Es verweigerte Tibet auch
das Recht auf Autonomie. Sogar in Formosa behauptete Tschiang
Kai-schek, Tibet sei nur eine chinesische Provinz. Es war der
einzige Punkt, in dem er und Mao Tse-tung übereinstimmten.
England erkannte Tibets inoffizielle Unabhängigkeit an, ebenso
die meisten anderen Staaten; offiziell wurde die Frage nie
gestellt, denn Tibet suchte nie um Anerkennung nach, sprach nie
den Wunsch aus, Botschafter auszutauschen oder diplomatische
Beziehungen aufzunehmen, und hielt sich von allen anderen
Nationen fern.
(Seite 92)
"Beweist das nicht, daß unser einziger Wunsch ist, allein
gelassen zu werden?" fragte Tharchi Tsendron. "Und ist das nicht
unser gutes Recht?"
"Ja, Tharchi" erwiderte ich. "Moralisch ist das keine
Streitfrage. Ich sprach davon, ob für euch eine
Wahrscheinlichkeit besteht, irgendeine Hilfe zu bekommen. Daß
Tibet Hilfe verdient, ist klar. Ich würde kaum hierbleiben, wenn
das nicht zuträfe."
"Sie sind überhaupt nicht in Tibet. Chamdo liegt in China. Ich
habe in einem Atlas nachgesehen", sagten mir britische und
amerikanische Radio-Amateure. Ich hatte das nicht einmal,
sondern hundertmal gehört, und es war sehr schwer, sie davon zu
überzeugen, daß ihre Atlanten irrten.
"Aber es ist ein ganz neuer Atlas; er ist erst in diesem Jahr
erschienen."
"Ich habe nicht gesagt, daß er veraltet ist. Ich habe gesagt, er
irrt."
"Aber es ist der Schulatlas meines Sohnes. Er lernt Geographie
danach."
"Dann lernt er etwas Falsches."
Ihr Interesse war nicht rein theoretisch. Viele von ihnen
versuchten, ein Diplom zu erlangen, das jeder Amateur von einem
amerikanischen Radiomagazin erhielt, wenn er nachwies, daß er
mit jeder Zone der Welt Verbindung hatte. Zu diesem Zweck war
die Welt in vierzig Zonen eingeteilt worden, und Zone 23 war
ganz Tibet, das am schwersten zu erreichen war. Fox beschäftigte
sich zur Zeit nicht viel mit Amateurfunk, er war sehr krank, und
die Radioamateure jubelten zunächst, als sie mit mir Verbindung
bekamen. Dann suchten sie Chamdo in ihren Atlanten und machten
mir Vorwürfe oder ärgerten sich. Ich funkte an die
Radiogesellschaft von Großbritannien und die Radio Relay League
in Amerika und wies darauf hin, daß sich die Atlanten irrten.
"Mit welchem Recht sagen Sie, Chamdo läge in Tibet?" fragte mich
einer der Amateure.
"Ich bin in Chamdo, und ich bin Angestellter der tibetischen
Regierung. Ich bin der erste Europäer seit mehr als dreißig
Jahren, der sich hier aufhält. Der letzte war Sir Eric Teichman,
und die Grenzlinien auf seinen Karten sind durchaus richtig, die
Ihrigen sind immer falsch gewesen."
"Wer hat sie denn so angegeben?"
"Die Chinesen."
(Seite 93)
Als die Chinesen 1910 in Tibet einfielen, war Chamdo in ihre
Hände geraten und von einem Grenzkommissar namens Chao Erh-Feng
verwaltet worden. Khenchi Dawala erinnerte sich noch an ihn und
seinen Beinamen "Schlächter Chao", den er wegen seiner
Gewohnheit, Massenhinrichtungen zu befehlen, bekommen hatte. Bei
der Revolution von 1911, als die Chinesen aus Lhasa und dem
größten Teil von Kham hinausgeworfen wurden, brachten ihn seine
eigenen Landsleute um. Aber es gelang den Chinesen, Chamdo zu
halten, bis es 1918 befreit wurde, nachdem die Chinesen Tibet
von neuen angegriffen hatten und vernichtend zurückgeworfen
wurden.
"Wir hätten damals ganz Tibet befreien können", sagte Khenchi
Dawala und meinte damit die Provinzen Sikang und Tsinghai. "Lord
Teichman hinderte uns daran, weiterzugehen."
Teichman, der später geadelt wurde, hatte dies selbst zugegeben.
(...)
Nach dem ergebnislosen Abbruch der Gespräche erkannten die
Chinesen ihren eigenen Anspruch selbst an und gaben eine
Landkarte heraus, auf daß die ganze Welt es sehen könne. Die
Tibeter hatten keine Karten, die sich zur Veröffentlichung
geeignet hätten. China hatte diplomatische Beziehungen zu den
(Seite 94) anderen Nationen der Welt, Tibet nicht. Die
Kartenhersteller in anderen Ländern richteten sich nach der
chinesischen Karte, und daher kam dieser Irrtum. (...)
II. Die Invasion (Seite 115)
Kapitel: Die Schlacht um Kham (Seite 116 - 130)
(Seite 123)
Zwischen den planmäßigen Sendungen hörte ich die Nachrichten aus
aller Welt, aber es wurde immer noch nichts über den Angriff auf
Tibet gesagt. Dann kam die Sendung von Radio Lhasa.
Während Fox Abwesenheit gab es keine Nachrichten in englischer
Sprache, aber ich fuhr fort, die tibetischen und chinesischen
Nachrichten weiterzugeben.
Horkhang Sé und mehrere andere Lhasa-Beamte kamen an diesem Tag,
um zuzuhören.
Über die Invasion wurde kein Wort gesagt.
"Ich kann das nicht verstehen", sagte ich nach Beendigung der
Sendung. "Die Chinesen haben Tibet angegriffen. Tibet wünscht
Hilfe. Peking schweigt aus durchsichtigen Gründen. Was in aller
Welt kann Lhasa gewinnen, wenn es so tut, als gäbe es keinen
Krieg?"
Keiner antwortete. (...)
Ich hatte die Gerüchte, die aus der politischen Klatschfabrik
von Kalimpong stammen, nicht gehört. Wie es scheint, hatte
(Seite 124) ein Korrespondent des "Statesman" am Mittwoch, sogar
noch bevor der erste Bote aus Rangsum in Chamdo eingetroffen
war, einen Bericht zurechtgefeilt, die Chinesen seien aus
Tsinghai in Tibet eingedrungen und hätten den Paß von Dongma
genau nördlich von Riwoche erreicht.
Die Geschichte war offensichtlich falsch, und "All-India Radio"
zitierte den Leiter der tibetischen Abordnung, der gesagt hatte,
es sei einfach "ein von Händlern mitgebrachter, verspäteter
Bericht über einen kleineren Zwischenfall, der vier Monate
vorher stattgefunden hatte". Wahrscheinlich war es auch so; die
Nachricht vom Dengko-Zwischenfall konnte gerade soviel Zeit
gebraucht haben, um Kalimpong zu erreichen, und derlei
geographische Irrtürmer passierten ständig.
Daß aber die tibetische Abordnung mehrere Tage, nachdem die
Nachricht von der Invasion in Lhasa eingetroffen war, leugnen
konnte, daß ein chinesischer Angriff stattgefunden habe, konnte
nur bedeuten, daß die Abordnung entweder nicht informiert worden
war oder daß man sie angewiesen hatte zu schweigen.
Die Handlungsweise der Lhasa-Regierung wäre leichter
verständlich gewesen, wenn sie etwa beabsichtigt hätte, den
Chinesen nur einen symbolischen Widerstand zu leisten und dann
um Frieden zu bitten; aber sie tat nichts Derartiges. Der
Widerstand war eine Tatsache, und Tibets späterer Appell an die
Vereinten Nationen bewies, daß niemals an eine Übergabe gedacht
worden war. Ich konnte mir nur denken, daß sie aus Routine so
handelten. Die Lhasa-Regierung war so an das gewöhnt, nichts zu
sagen, was die Chinesen beleidigen oder herausfordern könnte,
daß sie dies auch beibehielt, als jede Herausforderung belanglos
geworden war. Sie versuchte noch einen Krieg abzuwenden, der
bereits ausgebrochen war.
Was mich am meisten bedrückte, war, daß wahrscheinlich niemand
außerhalb Tibets dies verstehen konnte. Sobald die Nachricht
bekannt wurde, mußte sie so ausgelegt werden, daß Tibet nicht
wirklich den Willen hatte, Widerstand zu leisten. (...)
(Seite 129)
Am Spätnachmittag kam Khenchi Dawala zu mir, um sich zu
verabschieden.
"Werden Sie Tibet jetzt verlassen?" fragte er.
"Nicht, solange ihr weiterkämpft."
"Gehen Sie jetzt, und sagen Sie der Welt, daß wir kämpfen. Sie
sind der einzige, der es weiß. Sagen Sie ihnen, daß wir nicht
chinesisch, sondern eine unabhängige Nation sind und unabhängig
und frei bleiben wollen. Verlange ich damit mehr von Ihnen, als
die Wahrheit zu sagen?"
"Nein", erwiderte ich. "Ich weiß, daß alles wahr ist. Jawohl,
ich werde es der Welt sagen."
"Wir mögen diesen Krieg verlieren". sagte Khenchi Dawala
bedächtig. "Ich weiß, daß es nicht wahrscheinlich ist, jetzt
Hilfe zu bekommen, nicht einmal im Frühjahr. Ich weiß, daß
(Seite 130) wir am Ende sicher verlieren werden. Die Chinesen
sind schlau und stark. Wenn sie den oberen Jangtse überschreiten
konnten, können sie auch den Saluen überschreiten. Wenn sie
Khatang Depön auf dem Weg nach Chamdo schlagen konnten, können
sie sich auch den Weg nach Lhasa erkämpfen. Sie mögen unser
ganzes Land besetzen, aber selbst wenn sie es tun, wird unser
Kampf nicht vergebens gewesen sein. Dies ist ein Krieg, den zu
kämpfen wert ist, ganz gleich, ob wir gewinnen oder verlieren;
denn eine Niederlage wäre keineswegs endgültig, wenn auch der
Kampf aufhören sollte."
Seine Stimme hatte leise geklungen, als er von Niederlage
sprach, aber nun klang sie lauter.
"Wir haben 1910 gegen die Chinesen verloren, und sie besetzten
damals das ganze Land", fuhr er fort. "Ich war jung, und die
Zukunft sah hoffnungslos aus, und alle um mich sagten, Tibet
würde nie wieder frei werden, es geschehe denn ein Wunder. Ein
Jahr später brachte die chinesische Revolution dieses Wunder.
Wir nahmen die Gelegenheit wahr und warfen die Chinesen hinaus
und waren für die nächsten vierzig Jahre frei. Jetzt haben die
Chinesen eine zweite Revolution gehabt und uns wieder
angegriffen. Warum sollten wir annehmen, dies wäre ihr letzter
Bürgerkrieg gewesen? Tschiang-Kai-schek kann sie von Formosa aus
angreifen - er ist nicht unser Freund, aber wenn wir auch gegen
diese Kommunisten kämpfen, wird er unsere Freundschaft brauchen.
Wir wären 1911 nicht frei geworden, wenn wir nicht 1910 darum
gekämpft hätten. Würden wir uns jetzt nicht wehren, wäre es
Tibets Ende. Wir mögen länger zu warten haben als beim
letztenmal; für den größten Teil des Landes war es damals ein
Jahr - in Chamdo mußten wir allerdings 8 Jahre warten. Das
nächste Mal mag es zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfzig Jahre oder
noch länger dauern; aber solange wir daran denken, daß sie mit
Gewalt gekommen sind, wird unser Wille, frei zu werden,
bestehenbleiben. Wir werden wieder frei werden, weil die Götter
auf unserer Seite sind. Aber sagen Sie der Welt, Phodo Kusho,
daß wir nicht davongelaufen sind."
Ich versprach es. Damals hatte ich nicht die Möglichkeit, es zu
tun, aber ich versuche, das Versprechen jetzt einzulösen. (...)
Kapitel: Rückkehr nach Chamdo (Seite 148 - 163)
(Seite 153)
So stand es also. Kein Wort von Landreform oder von den Rechten
der Bauern und der Arbeiterklasse. Die Chinesen unterstützten
die Beamten. (...)
(Seite 158)
Im ganzen verhörte mich Liu etwa sechzehn Stunden lang. Für die
Mahlzeiten gab es Pausen, und ich hatte genügend Zeit zur
Nachtruhe; wenn ich am Schluß des Verhörs ermüdet war, so war es
Liu sicherlich auch. Er übte keinen ungehörigen Druck (Seite
159) auf mich aus und drohte nicht. Nur einmal erhob er seine
Stimme, weil er aufgebracht war, und zwar, als er mich über die
Ausländer befragte, die ich in Lhasa gekannt hatte. Ich erwähnte
dabei einige Chinesen.
"Wir sind keine Ausländer!" rief er empört. "Chinesen und Tibet
sind ein Volk. Ihr seid die Ausländer, und ihr habt Zwietracht
unter uns gesät!" (...)
Kapitel: Die Reise nach Osten (Seite 163 - 176)
(Seite 174)
Jetzt, als wir fast die Ostgrenze Sikangs erreicht hatten,
bemerkte ich die ersten Zeichen, daß wir in China waren und
nicht auf tibetischem, von den Chinesen beherrschtem Gebiet. Ich
sah Häuser chinesischer Bauart mit chinesischen Beschriftungen
an den Türpfosten und Männer, die auf chinesische Art an
Bambusstangen hängende Wassereimer trugen. Doch es gab auch
Tibeter, Gebetsmühlen und Gebetsfahnen, und am Rande der Stadt
lag ein Kloster. Auch ein Kreuz sah ich auf dem Dach der
römisch-katholischen Kirche. (...)
(Seite 175)
Bald nach Yaan gelangten wir zur Grenze zwischen den Provinzen
Sikang und Szechuan. Die Grenzlinie war mit chinesischen
Schriftzeichen auf einem Felsen seitlich der Straße
gekennzeichnet.
Am nächsten Tagen begann unsere Fahrt durch die Szechuan-Ebenen
- grüne, fruchtbare und intensiv bebaute Niederungen, die nach
der spärlich bevölkerten Hochebene von Tibet von Menschen
wimmelten. (...)
III. Die Prüfung (Seite 177)
Kapitel: Im Gefängnis (Seite 178 - 194)
(Seite 178)
"Ich muß Ihnen die Politik der Volksregierung Verbrechern
gegenüber erklären", sagte der Hauptvernehmungsoffizier. "Es ist
einerseits eine Politik der Milde, andererseits eine der
Vernichtung. Die Wahl liegt bei Ihnen. Wenn Sie Ihre Verbrechen
(Seite 179) freimütig gestehen, werden wir versuchen, Ihnen zum
Wiedereintritt in die Gesellschaft zu verhelfen. Wenn Sie
halsstarrig bleiben, werden Sie rücksichtslos erledigt." Er
machte eine Pause, um dies auf mich einwirken zu lassen.
"Die Verantwortung für Ihre Schuld gegen das Volk liegt nicht
ganz allein bei Ihnen", fuhr er fort, "und wir berücksichtigen
das. Sie sind in hohem Maße ein Opfer der Gesellschaft, in der
Sie aufgewachsen sind, aber einen Teil der Schuld tragen Sie
selbst. Sie können nur sühnen, wenn es Ihnen gelingt, eine
korrekte soziale Weltanschauung zu erringen und durch
Umerziehung die grundlegenden Gedankenfehler auszurotten, die
Sie zu Ihren Verbrechen veranlaßt haben. Haben Sie verstanden?"
"Ich glaube, hier liegt ein Mißverständnis vor", sagte ich. "Ich
bin kein Verbrecher. Die tibetische Regierung hat mich in rein
rechnischer Funktion verwendet. Ich habe einen ausführlichen
Bericht über meine Tätigkeit in Tibet gegeben, und wenn Sie alle
Tatsachen beisammen haben, werden Sie sehen, daß ich die volle
Wahrheit berichtet habe." (...)
(Seite 179)
"Was meinen Sie zu der Befreiung Tibets?"
"Ich glaube, die Tibeter wünschen nicht befreit zu werden."
"Haben Sie ihnen geraten, Widerstand zu leisten?"
"Sie haben mich nicht um Rat gefragt."
"Antworten Sie mit Ja oder Nein."
"Nein."
"Haben Sie ihnen geholfen, Widerstand zu leisten?"
"Ich habe meine technischen Aufgaben als tibetischer
Regierungsbeamter weiter ausgeübt." (...)
(Seite 184)
Die Tibeter spielten immer die Chinesen und die Engländer
gegeneinander aus. Sie konnten offensichtlich gar nicht anders
handeln, wenn sie ihre Unabhängigkeit bewahren wollten, und das
war ihr einziges Ziel. Ihr Unglück war, daß sie zwischen zwei
Mächten eingezwängt waren, die einander mit Mißtrauen und Furcht
betrachteten. Chinas Tibetpolitik war von ähnlichen Beweggründen
wie die Englands beherrscht: Es wünschte, sein Handelsmonopol zu
wahren, und besonders lag ihm daran, seine Südwestgrenze gegen
den britischen Imperialismus zu sichern, mit dem es schon
bittere Erfahrungen gemacht hatte. Der Unterschied bestand
darin, daß China über Tibet zu herrschen wünschte, während
England nur einen autonomen Pufferstaat erstrebte. England
konnte daher als Schützer der tibetischen Unabhängigkeit
auftreten, aber schon Sir Charles Bell hatte darauf hingewiesen,
daß es schwierig sei, den Chinesen auf die Frage zu antworten,
warum wir erklärten, Selbstregierung (Seite 185) sei wohl etwas
Gutes für Tibet, aber nicht für Indien.
All dies war jetzt aber nur noch Geschichte, und das britische
Interesse an Tibet hatte mit der Machtübergabe in Indien
aufgehört. (...)
Kapitel: Die Dunkelzelle (Seite 203 - 211)
(Seite 207)
Plötzlich änderte Kao seine Taktik.
"Ich kann keine Zeit mehr mit Ihnen verschwenden", sagte er am
Ende eines langen und fruchtlosen Verhörs. "Ich werde Sie nicht
mehr holen lassen. Sie können in Ihre Zelle zurückgehen und
verfaulen."
Es war der richtige Ort zu verfaulen. Bei Tagesanbruch wurde
gepfiffen, und das war das Signal für mich, auf dem Podium, das
mir als Bett diente, zu sitzen. Dort mußte ich sitzen bleiben,
bis zehn Uhr abends wieder gepfiffen wurde.
Sechzehn Stunden sitzen. Es war mir nicht erlaubt, zu stehen
oder zu liegen, nicht einmal, mich zurückzulehnen. Wenn ich den
Kopf auf mein Kissen legte, brüllten mich die Wärter an, die mit
ihren Maschinenpistolen Tag und Nacht im Korridor
patrouillierten und alle paar Minuten an meiner Zelle
vorbeikamen. (...)
Kapitel: Geständnis (Seite 225 - 233)
(Seite 225)
Warum gestand ich Verbrechen, die ich begangen hatte? Die
meisten, die diese Frage an mich richten, erwarten die Antwort,
daß man mich gefoltert habe, um ein falsches Geständnis zu
erpressen. Das trifft nicht zu. Es wäre sogar ungenau, zu
behaupten, mein Geständnis sei den Seelenqualen zuzuschreiben
gewesen, die ich auszuhalten hatte; denn deren Zweck war, aus
mir das herauszubekommen, was sie für die Wahrheit hielten. Dies
trug allerdings dazu bei, meinen Zustand zu verschlimmern, und
verstärkte daher meinen Wunsch herauszukommen, aber das war auch
alles.
Andere wiederum erwarten, ich würde sagen, es sei ein Ergebnis
der mir zuteil gewordenen Schulung - es sei ihnen gelungen, mich
davon zu überzeugen, daß die von mir eingestandenen Verbrechen
tatsächlich von mir begangen worden wären. Auch das stimmte
nicht. Wahr ist, daß ich schließlich teilweise der Verführung
zum Kommunismus erlag; aber zur Zeit meines Geständnisses war
der Ansteckungsgrad sehr gering.
Ich habe einfach deshalb ein falsches Geständnis abgelegt, weil
ich es für die beste Möglichkeit hielt herauszukommen; in der
Tat war es auch die einzige Möglichkeit.
Man hat mir viele Lügen erzählt, mich bedroht und Ultimaten
gestellt, die nie vollzogen wurden, aber eines war sicherlich
wahr. "Niemand wird freigelassen, solange er nicht gestanden
hat", sagte Fan. "Das ist weder bisher geschehen, noch wird es
je geschehen."
Ich zweifelte nicht daran, daß britische Regierung versuchen
würde, meine Freilassung zu erwirken, und so war es auch. Ich
war ebenso sicher, daß die Chinesen auf solche Vorstellungen
erst dann reagieren würden, wenn sie es für politisch zweckmäßig
hielten. Und das war unwahrscheinlich. Wenn ich also jemals hier
herauskommen wollte, mußte ich es aus eigener Kraft tun.
"Gestehe dein Verbrechen und lebe! Verheimliche es und stirb!"
so lautet eines der Schlagworte, die (Seite 226) an den Wänden
der außerhalb des Gefängnisses liegenden Verhörbaracken
angebracht waren, zu denen ich manchmal gebracht wurde. (...)
(Seite 227)
Im Geiste meiner britischen Erziehung fragte ich mich, ob es
nicht möglich sei, einen Kompromiß zu finden. Jedes von mir
abgelegte falsche Geständnis mußte vier Bedingungen erfüllen.
Erstens durfte es niemanden bloßstellen, der sich in
kommunistischen Händen befand; da ich annahm, daß Fox in
Sicherheit war - und er war es gewiß -, brauchte ich hier nicht
auf Schwierigkeiten gefaßt zu sein. Zweitens mußte es glaubhaft
sein. Das war schwierig, aber nicht unmöglich, falls sie auf
einen Kompromiß eingingen; taten sie es nicht, war es
hoffnungslos. Drittens mußte mein Geständnis so weit gehen, daß
es die veröffentlichten Beschuldigungen bestätigte, und viertens
durfte es nicht so weit gehen, daß es ein Todesurteil oder
lebenslängliche Haft zur Folge haben konnte. Die
Hauptschwierigkeit bestand darin, die dritte und vierte
Bedingung in Einklang zu bringen; aber es war vielleicht
möglich, wenn sie bereit waren, mich bei gewissen
Wortverdrehungen zu unterstützen, worin sie ja Meister waren.
Ich verbrachte viele Tage und Nächte damit, all dies zu
überdenken und zu erwägen, wie weit ich wohl, ohne mir zu
schaden, gehen könnte. Und endlich mußte ich mein Gewissen
fragen, ob ich es überhaupt versuchen sollte. Diese Frage ließ
ich bis zuletzt, weil ich mich nicht moralischer Probleme wegen
beunruhigen wollte, solange ich nicht sicher war, ob mein Plan
durchführbar war und sie überhaupt zur Diskussion stehen würden.
Ich mußte der Tatsache ins Auge sehen. Ich war im Begriff,
Verbrechen zu gestehen, die ich nicht begangen hatte, bloß um
mich in Sicherheit zu bringen. Die Tatsache, daß dies feige war,
stört mich nicht. Ich hatte mir nie die moralische
Charakterstärke eines Märtyrers zugemutet und war mir bei der
panikartigen Flucht aus Chamdo meines Selbsterhaltungstriebs
peinlich bewußt geworden. Es gab nichts, was mich zur
Heldenhaftigkeit veranlaßt hätte; wenn ich standhaft blieb,
konnte ich damit niemandes Leben retten, kein Geheimnis bewahren
oder Kommunisten daran hindern, irgendeinen Vorteil (Seite 228)
zu erringen. Es bestand kein zwingender Grund, warum ich nicht
"gestehen" sollte.
Trotzdem - ich weiß, es klingt "brav", aber ich weiß nicht, wie
ich es anders ausdrücken soll - war mir der Gedanke, mich durch
Lügen aus meiner Notlage zu befreien, zuwider. Es wurde dadurch
noch schlimmer, daß ich Lügen von besonders entwürdigender Art
erzählen mußte. Es handelt sich nicht darum, zu lügen, um eine
Schuld zu verheimlichen, was sündhaft ist, aber nicht
notwendigerweise erniedringend sein muß. Ich würde erbärmliche
Lügen erzählen müssen, mit denen ich mich selbst erdichteter
Verbrechen beschuldigte, und mich in der Weise entwürdigen
müssen, wie es Huang jetzt tat. Ich würde nicht nur Sünden
beichten müssen, die ich nicht begangen hatte, ich würde auch
Reue heucheln müssen.
Diese Bedenken wären sofort geschwunden, wenn ich jemandem zu
Nutzen oder zu irgendeinem anderen selbstlosen Zwecken gelogen
hätte, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Durch Lügen würde
ich die andere Seite verraten - nicht bloß mein Land, sondern
die ganze nichtkommunistische Welt. (...)
So rechtfertigte ich mich vor meinem Gewissen oder beruhigte
(Seite 229) es wenigstens. Zweifellos machte ich es mir ein
wenig zu leicht, so wie sich etwa Eltern einreden mögen, was
ihnen am besten paßt, sei auch für die Kinder das beste, oder
wie sich ein Wähler einreden mag, daß durch ein glückliches
Zusammentreffen die Partei, die ihm selbt wahrscheinlich die
meisten Vorteile bietet, auch die beste für die ganze Nation
sei. Tatsache war, daß ich Ideale der Zweckmäßigkeit
unterordnete, und dies lastet heute noch auf meinem Gewissen.
(...)
Kapitel: Ausgequetsche Zahnpasta (Seite 237 -240)
(Seite 240)
Im April schrieb ich das nieder, was man die endgültige Fassung
meines Geständnisses nennen könnte, und als ich es
unterzeichnete, wurde ich fotografiert. Es war ein typisches,
von den Kommunisten abgerungenes Geständnis, das so voll von
Selbsterniedrigung und Parteijargon war, daß jeder, der mich
kannte, aus dem Wortlaut hätte ersehen können, daß es von jemand
anderem stilisiert worden war. Aber eine deratige Annahme
verkannte die kommunistische Technik vollständig. Ein Geständnis
ist nie von anderen für einen Gefangenen geschrieben, er muß die
richtignen Worte selbst finden. (...)
Kapitel: Freiheit (Seite 268 - 278)
(Seite 276)
Obwohl Ngabö die Khambas verraten hatte, setzen sie ihren
Widerstand noch ein Jahr nach Unterzeichnung des Vertrages fort,
bis sie der Dalai Lama persönlich bat, die Waffen niederzulegen.
Und im Frühjahr und Sommer 1956 noch gab es einen abschließenden
Aufruhr in Ost- und Nordosttibet, bei dem chinesische Garnisonen
niedergemetzelt wurden. Hätte man 1950 Freischärler (Seite 277)
organisiert, hätten diese die Invasion unermeßlich erschweren
können. Der Unabhängigkeitsgeist ist immer noch sehr lebendig;
wie lange er noch anhalten kann, ist nicht so einfach zu sagen.
Es wird behauptet, die Chinesen beabsichtigten, die
Bevölkerungszahl Tibets von den jetzigen zwei bis drei Millionen
auf zehn Millionen zu steigern, und das kann nur eine
chinesische Kolonisation in großem Umfang bedeuten. Schließlich
werden die Tibeter noch ihrem eigenen Lande von den Chinesen an
Zahl übertroffen werden. (...)
(Seite 278)
Tibet war rückständig und feudal, aber niemand darbte. Der
größte Teil des Volkes war arm, aber es gab keinen Hunger und
viel Glück. Materieller Fortschritt war überfällig, aber er war
schon im Kommen; meine eigene Tätigkeit war ein Zeichen dafür.
(...)
Ich schwärme nicht für das Mittelalter und halte es für äußerst
wichtig und nützlich, den Lebensstandard zu heben. Aber nicht um
diesen Preis. Nichts vermag die Vernichtung der
Gedankenfreiheit, der wichtigsten Freiheit, aufzuwiegen. Ein
gesunder, wohlgenährter Roboter ist ein dürftiger Ersatz für
einen Menschen. |
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